Begegnungen, Perspektiven, Erfahrungswerte zum Thementag 2026: Bahnhöfe im Wandel
Am 25. September 2026 lud das Denkmalnetz Sachsen zum Thementag "Bahnhöfe im Wandel – Mobilität, Begegnung, Perspektiven" in den Kulturbahnhof Leisnig ein. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Bahnhofsgebäude als prägende Zeugnisse der Bau- und Infrastrukturgeschichte erhalten, neu genutzt und wieder stärker in das Leben von Städten und Gemeinden eingebunden werden können. Ein Gedanke zog sich dabei durch den Tag: Bahnhöfe haben immer zwei Ausgänge – einen in den Ort und einen in die Welt. Sie verbinden das Lokale mit dem Globalen und können damit weit mehr sein als reine Verkehrsstationen.
Ankommen im Kulturbahnhof
Der Kulturbahnhof Leisnig bot als inspirierendes Beispiel einen authentischen Veranstaltungsort für den gemeinsamen Tag des Vernetzens und Austauschens. Untermalt wurde der Thementag dabei immer wieder vom echten Sound des Bahnhofs: dem Geräusch vorbeifahrender Züge auf dem direkt am Kulturbahnhof Leisnig anliegenden Gleis.
Nach der Begrüßung durch Andreas Hirt vom Denkmalnetz Sachsen und Carsten Graf, Bürgermeister der Stadt Leisnig, stellte Alireza Rismanchian den Kulturbahnhof Leisnig vor. Andreas Hirt betonte, dass die zahlreichen Beratungsanfragen an das Denkmalnetz Sachsen rund um Bahnhöfe zeigen, wie wichtig das Thema für viele Akteur:innen ist und wie groß der Bedarf an Austausch und Unterstützung ist. Zugleich verwies er auf das Potenzial des gemeinsamen aktiven Strebens und Ziel dessen sowie des Thementages, Bahnhöfe wieder zu inspirierenden Orten werden zu lassen. Bürgermeister Graf machte deutlich, dass es Mut, ein bisschen Verrücktheit und vor allem Durchhaltevermögen brauche, um sich eines Bahnhofs anzunehmen. Gleichzeitig dankte er Alireza Rismanchian und seinen Partner:innen für ihren Mut und ihr Engagement für den Leisniger Bahnhof.
Landbahnhöfe neu denken
Den weiteren Vormittag prägten fachliche Impulse und setzten den Rahmen für den gemeinsamen Tag. Die vielfältigen Blickwinkel – von der Denkmalpflege über die Förderpraxis bis hin zur Betreiberperspektive – zeigten, dass Bahnhöfe an der Schnittstelle vieler unterschiedlicher Interessen und Verantwortungsbereiche stehen.
Dr. Maria Frölich-Kulik von Alltägliche Räume GbR stellte Erkenntnisse aus ihrer Dissertation "Landbahnhöfe: Ressourcen nachhaltiger Landschaftsentwicklung" vor. Am Beispiel der Thüringer Pfefferminzbahn beschrieb sie Bahnhöfe auf dem Land als "Knäuel an Beziehungsfäden" und verdeutlichte dabei, wie mehrere Bahnhöfe entlang einer Schmalspurbahnstrecke gemeinsam als Knotenpunkte regionaler Daseinsvorsorge wirken könnten. Sie betonte, dass wenn Bahnhöfe wieder zu zentralen Orten werden sollen, müssten sie als System und als Ressource gedacht werden – eingebunden in die Beziehungen und Strukturen ihres jeweiligen Umfelds.
Markus Thieme vom Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie stellte inspirierende Umnutzungsprojekte aus dem Staatspreis Ländliches Bauen vor. Sein Appell: Wer sich für einen Landbahnhof stark macht, sollte sich in der nächsten Förderperiode unbedingt mit seinem Projekt bewerben. Heiko Müller von DB InfraGO AG gab anschließend Einblicke, Rückblicke und Ausblicke zum Umgang der Deutschen Bahn mit Bahnhöfen und Empfangsgebäuden. Von ehemals über 300 Bahnhöfen in Sachsen befinden sich heute nur noch 17 im Besitz der Deutschen Bahn. In dem heutigen Bestreben gibt es seit 2022 ein Umdenken: weg von der isolierten Betrachtung einzelner Gebäude oder Gleisanlagen hin zu einer ganzheitlichen Entwicklung als „Zukunftsbahnhof“ unter Berücksichtigung des Bahnhofsumfeldes, des Empfangsgebäudes und der Verkehrsstation.
Praxis, Projekte, Perspektiven
Der Nachmittag stand ganz im Zeichen gelebter Praxis. Fünf konkrete Projektvorstellungen zeigten, wie unterschiedlich Bahnhöfe neu gedacht und genutzt werden können. Die vorgestellten Beispiele reichten von sozialen Begegnungsorten über Forschungs- und Innovationszentren bis hin zu touristischen Ankerpunkten.
Michael Peter-Kühn berichtete vom Kulturbahnhof Bad Düben als sozialem Ort und gab Einblicke in Erfolge und Herausforderungen. Inzwischen widmet sich der Eigentümer einem neuen Bahnhofsprojekt und bringt seine Erfahrungen in die Umnutzung des Dorfbahnhofs Söllichau ein. Für den Bahnhof Bad Düben werden neue engagierte Eigentümer:innen gesucht.
Christian Uhlig, Fachbereichsleiter Bau, stellte den Bahnhof Annaberg-Buchholz und den Smart Rail Connectivity Campus vor. Ziel des Projekts war es, Forschung in eine strukturschwache Region zu bringen. Ein nicht mehr genutztes Gleis wurde dafür zum "Bahnhofslabor" – gemeinsam mit Kooperationspartnern wie der TU Dresden.
Anschließend ging mit Bürgermeister Johannes Ecke um die Verbindung von Bahnhofsgeschichte, regionaler Identität und touristischer Nutzung in Mügeln. Wo einst die Kaolinbahn durch das Porphyrland fuhr, knüpft heute das Geoportal "Erlebniswelt Kaolin" an diese Geschichte an. Kaolin findet sich dabei nicht nur als Thema, sondern auch als Gestaltungselement im und um den Bahnhof.
Frank Peuker, Bürgermeister von Großschönau, machte in seinen Erfahrungsbericht zum Bahnhof Großschönau deutlich, wie wichtig es für die Entwicklung des Bahnhofs war, die Bürger:innen frühzeitig mitzunehmen und einzubinden. Wie stark die Verbundenheit mit dem Ort ist, wurde unter anderem beim Bahnhofsfest spürbar: Der Bahnhof ist für viele Großschönauer ein wichtiger Teil ihrer Gemeinde.
Zum Abschluss der Praxisbeispiele lud Markus Preller zu einer kleinen Zeitreise über 150 Jahre des "Weltraumbahnhof" Rautenkranz ein. Sein Konzept der Nutzung des ehemaligen Empfangsgebäude als Pension im Steampunk-Stil knüpft an die frühere Nutzung des Ortes als Raumfahrtmuseum in Morgenröthe-Rautenkranz an.
Diese Vielfalt machte deutlich: Es gibt nicht die eine Lösung, sondern viele Wege. Jeder Bahnhof hat seine eigene Geschichte und sein eigenes Potenzial – und jede:r Engagierte bringt eigene Erfahrungen, Ideen und Stärken ein. Dabei bleibt eine besondere Qualität der Bahnhöfe bestehen: Sie verbinden. Sie haben einen Ausgang in den Ort und einen in die Welt – und können so lokale Identität, regionale Entwicklung und überregionale Verbindungen miteinander verknüpfen.
Austausch, Vernetzung, Ausblick
Zum Abschluss des Tages bot der "Marktplatz" noch einmal Raum für Austausch, Kontakte und Inspiration. Die Gespräche zeigten, dass der Wunsch und das Bedürfnis vorhanden sind, gemeinsam an der Zukunft historischer Bahnhofsgebäude zu arbeiten, miteinander ins Gespräch zu kommen und das Potenzial sichtbar zu machen, das in diesen Gebäuden und ihren vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten liegt.
Vielen herzlichen Dank für Ihre Teilnahme am Thementag 2026!
Wir möchten uns ganz besonders bei allen Referent:innen bedanken, die den Tag mit ihren Impulsen und Erfahrungen so bereichert haben.
Ein besonderer Dank gilt dem Landesamt für Denkmalpflege Sachsen und dem Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie für die fachliche Unterstützung und die Mitwirkung am Thementag.
Den Engagierten vom Kulturbahnhof Leisnig e.V. danken wir herzlich für die Gastfreundschaft, die Bereitstellung der wunderbaren Räumlichkeiten und die Organisation im Vorfeld.
Wir hoffen, dass die geknüpften Kontakte und Gespräche über den Thementag hinaus bestehen bleiben und Sie miteinander in Verbindung bleiben. Denn gerade bei der Frage, wie Bahnhöfe künftig erhalten, genutzt und wieder zu lebendigen Orten werden können, ist der Austausch zwischen engagierten Menschen, Kommunen, Eigentümer:innen, Planer:innen und weiteren Akteur:innen ein wichtiger Baustein.
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Fotos: DNS, Katharina Rühling